Bevölkerungsgeschichte
"Gegen Ende des 4. Jahrhunderts u.Z. war in Thüringen ein Stammesverband entstanden, der ebenfalls zu einem Hauptstamm verschmolz. Sein Herrschaftsgebiet ist als "Thüringerreich" schriftlich überliefert.
Der Kern des thüringischen Hauptstammes lag offenbar im Gebiet der Hermunduren, die zu einem Teil auch an der Bildung des alemannischen Stammesverbandes beteiligt gewesen waren. Dann sind auch Teile der Angeln und Warnen aufgenommen worden; allem Anschein nach haben diese sogar eine wesentliche Rolle im Ethnogeneseprozeß² des thüringischen Großstammes gespielt.
Im 5. Jahrhundert u.Z. dehnte dieser seinen Herrschaftsbereich nach dem Süden und nach dem Norden aus. Die im Raum um Regensburg nördlich der Donau, im Gebiet der Flüsse Nab und Regen, ansässigen Naristen mußten der Expansion der Thüringer weichen, die dieses Gebiet besiedelten und im Jahre 480 sogar Passau plünderten. Im Norden und Westen waren vor allem die Cherusker dem Druck der Thüringer ausgesetzt; im Gebiet von Ohre und Oker gingen Teile jenes Stammes im Thüringerreich auf.
Zur Zeit seiner höchsten Machtentfaltung gegen Ende des 5. Jahrhunderts u.Z. wird Bisinius als König des gesamten thüringischen Herrschaftsgebietes genannt, das sich von der Altmark bis an den oberen Main und bis zur Donau erstreckte. Dieser Herrscher hatte wahrscheinlich bei Beesenstedt (Bisinstidi) im Mansfelder Gebiet seine Königsburg. Engere Beziehungen hatte das Königsgeschlecht der Thüringer durch familiäre Bindungen und ein politisches Bündnis zum Ostgotenreich unter Theoderich, dessen Nichte Amalaberga mit Herminafried vermählt war."¹
Nach dem Tode von Bisinius ging die Herrschaft an seine Söhne über, jedoch scheint Herminafried seinen zwei Brüdern übergeordnet gewesen zu sein. Zwischen den Thüringern und den verbündeten Sachsen und Franken brach ein Krieg aus. In einer Schlacht an der Unstrut schlugen die Franken unter Theuderich I., im Jahre 531 das Heer der Thüringer. Noch im selben Jahrzehnt wurden die Thüringer in das Frankenreich eingegliedert.
Der Kampf der Angehörigen des slawischen Stammes gegen die deutschen Kolonialisten dauerte bereits vier Jahrhunderte. Es war ein Kampf um die Existenzfrage eines ganzen Volksstammes.
Im Jahre 782 überfluteten ganze slawische Volksstämme von Osten kommend das Land bis zur Saale. (siehe Kartenmaterial)
Die Franken, die damals das Gebiet westwärts bewohnten, sahen sich durch die am weitesten vorgedrungenen Sorben hart bedrängt. Diese siedelten sich in den fruchtbarsten Tälern und Niederungen an und gründeten ihre Niederlassungen. Während dieser Zeit war Ostthüringen ein Schauplatz der Auseinandersetzungen der Sorben mit den Franken.
Unter König Ludwig gelang es ihnen erstmals, die Zwistigkeiten beizulegen. Der sorbische Volksstamm festigte sich in seinem Anwesen. Bis dahin bevölkerten die Sorben das Gebiet bis zur Saale. Sie gründeten ihre Niederlassungen in den Fruchtbaren Regionen und Tälern der unzähligen kleinen Flüsschen und Bachläufe. Dabei wählten sie sehr sorgfältig den Platz ihrer Ansiedlungen. Geschützt vor den rauhen Winden und der kalten Nebel entstanden dicht zusammengedrängt die ersten Sorbendörfer.
Im Großen und Ganzen war die Besiedlung des Elstergebietes eine Folge der Expansion des Großmährischen Reiches unter der Macht von Svatopluk Mitte des 9. Jahrhunderts. Am 26.4. 999 schenkte Kaiser Otto III. die Gau Gera dem Stift zu Quedlinburg unter der Äbtissin Adelheid I. (999 bis 1045). In der Zeit zwischen 1121 und 1171 wird die Gau Gera in Zusammenhang mit dem Bistum Naumburg (Kloster Bosa) erwähnt.
Im Gegensatz zu den Germanen errichteten die Sorben geschlossene Wohnsitze, um gleichzeitig einen wirksamen Schutz vor Feinden zu besitzen. Durch ihren großen Fleiß und ihre Kenntnisse in Ackerbau und Viehzucht erwarben sie sich große Verdienste bei der Kultivierung des Landes. Sie gaben den Orten, Bergen, Tälern und Gewässern ihr Gepräge. Noch heute künden viele Namen sorbischen Ursprungs von den einstigen Bewohnern dieser Landstriche. In den nachfolgenden Jahren setzte ein starker Zustrom deutscher Kolonialisten ein. Die Sorben wurden teilweise bis zur Elster zurückgedrängt.
Aus dieser Zeit stammen die bedeutendsten Hinterlassungen der Sorben, wie Ortsnamen und Gepräge der Ortschaften, Aberglaube und Kultstätten vermeintlich überirdischer Mächte. Die lebenskräftigen Vertreter der deutschen Kolonialisten behaupteten sich auch weiterhin und machten sich die billigen Arbeitskräfte zu nutze und es entwickelte sich eine immer stärker werdende Feindschaft zwischen Sorben und Deutschen.
Nach dem Krieg gegen die Ungarn erhielt Heinrich von Sachsen die Sorbenmark und das Herrschaftsrecht über Sachsen und Thüringen.
Heinrich der Erste von Weida, genannt ,,Heinrich der Fromme", mag wohl sehr selbstzufrieden von seiner Burg Weida aus auf das Land und seine Untertanen zu seinen Füßen herabgeblickt haben. Ihm war es im 12. Jahrhundert gelungen, die Sorben, die jahrhundertelang als ein schwieriges Volk galten halbwegs zu bekehren.
Später wurden dann die Markgrafschaften Halberstadt, Merseburg, Zeitz und im Jahre 1044 das Fürstentum Gera gebildet. ,,Heinrich der Fromme", der Stammvater des Fürstentums Gera-Reuß, gründete bereits im 12. Jahrhundert die ersten Stiftungen im Fürstentum. Gera- Reuß brachte in der Folgezeit eine Reihe von namhaften Herrschern hervor, die den Namen Heinrich einige Jahrhunderte hindurch trugen.
Anmerkung:
¹ - Deutschland in der Epoche der Urgesellschaft ; VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1981; Drittes Kapitel; Seite 173
² - Ethnogenese = komplizierter Prozeß der Herausbildung von Hauptstämmen und Völkern. Das geht aus der ersten erhalten gebliebenen Aufzeichnung des thüringischen Volksrechtes, etwa aus den Jahren 802/803, hervor. Der Titel ,,Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum" und der Wortschatz dieser Gesetzsammlung, der sowohl hochdeutsche als auch niederdeutsche Elemente enthält, weisen auf die Zusammensetzung der Thüringer aus verschiedenen Stämmen hin.


